Das Gleichnis vom Zauberer

Stellen Sie sich vor, sie beobachten als Außenstehender wie zu einer Gruppe Kinder ein Zauberer kommt. Der Mann hat einen schwarzen, violetten, blauen oder weißen Umhang mit goldenen Elementen an und wird von einem Gehilfen begleitet, der auch einen Umhang an hat und einen großen Koffer trägt. Die Gruppe der Kinder sitzt schon brav auf ihren Stühlen, verhält sich ruhig und erwartet schon gespannt den Beginn der Vorstellung. Vor den Kindern steht ein schöner Tisch, über den ein weißes Tischtuch ausgebreitet ist.

 

Der Gehilfe des Zauberers stellt seinen Koffer neben den Tisch, öffnet ihn und stellt allerlei Dinge, darunter einen Zylinder, eine Packung Karten, einen Zauberstab, goldene Schüsselchen und Gläschen etc., auf den Tisch und stellt sich sodann neben diesen hin. Der Zauberer zieht sich noch weiße Samthandschuhe an und fängt schließlich zu "zaubern" an. Sie sitzen als Vernunft begabter Erwachsener am Rande des Geschehens und beobachten das ganze Schauspiel aufmerksam. Sie bemerken bei einem "Zauberkunststück" dass der Zauberer beide Hände hoch hält und den Kindern seine Handinnenflächen hin hält, gleichzeitig sehen Sie, dass auf dem Handrücken ein kleiner roter Ball zu kleben scheint. Der Zauberer macht ein paar schnelle Bewegungen mit den Händen und präsentiert den Kindern schließlich den roten Ball in einer Hand. Die Kinder staunen und applaudieren.  Wo hat der Zauberer diesen Ball nur hergezaubert? Dann dreht sich der Zauberer um, öffnet seinen Koffer und scheint daraus etwas zu entnehmen. Kurz darauf wendet er sich und sein Antlitz wieder den Kindern zu und sagt, er würde, wenn die Kinder ganz brav seien, nun ein weißes Kaninchen herbei zaubern. Ein Raunen geht durch die Kindermenge, Köpfe drehen sich nach allen Seiten. Ja wo soll denn der Zauberer nun ein Kaninchen her nehmen? Er ist ein Zauberer, ja, aber ein Kaninchen her zaubern, wie soll denn das gehen!? Sie sehen in diesem Moment, dass der linke Ärmel des Zauberers nach unten hin etwas ausgebeult ist und dieser seine Hände parallel zum Boden hält - der linke Ärmel hängt durch. Mit der rechten Hand nimmt der Zauberer schließlich seinen Zauberstab vom Tisch, hält ihn nach oben, vollführt geheimnisvolle Schleifen in der Luft mit ihm, das Ganze begleitet von "Zaubersprüchen".  Schließlich streckt er seine Arme seitlich vom Körper weg, präsentiert den Kindern sein Zaubererkostüm in vollem Umfange, führt die Hände wieder zusammen, vollführt blitzschnell eigenartige Bewegungen mit ihnen, murmelt Srüche bei verschlossenen Augen und streckt den Kindern schließlich seine Hände  hin, auf denen ein kleines, weißes, verschreckt drein schauendes Kaninchen sitzt.

 

Nun schreien die Kinder vor Begeisterung, Finger zeigen auf das Kaninchen, das so plötzlich aus dem Nichts erschienen ist, Augenpaare, aus denen das blanke Erstaunen spricht, drehen sich in der Menge nach allen Seiten. Sie können sich ein Schmunzeln nicht verhalten. Das Ganze geht so weiter und die Kinder werden vom Zauberer in einem Nebel von Illusionen eingehüllt. Am Ende der Vorstellung, die eine schwache Stunde dauert, verlässt der Zauberer mit seinem Gehilfen aufrecht und in stolzem Schritte gehend, bejubelt von den Kindern die Versammlung. Die Kinder schauen ihm noch voller Ehrfurcht nach, keines traut sich aufzustehen, bevor die beiden die Türe nach draußen durchschreiten. Die Schleppe des Zauberer-Umhanges, deren Zipfel sich noch kurz um das untere Ende des Türrahmens herum schlingt, ist das letzte, was von ihm zu sehen ist. Jetzt erst stehen die Kinder auf und voller Begeisterung und Ehrfurcht wird mit dem Freunde bzw. der Freundin noch besprochen, was sich noch kurz zuvor alles ereignet hat.

 

Jetzt stehen auch Sie auf und verlassen gedankenvoll die Szenerie. Das Ganze hat Sie zum Nachdenken gebracht ...

 

© Reinhard Ehrnhöfer