Kleine nordoststeirische Weihnachtsgeschichte

Die folgende Geschichte könnte auch die alternativen Titel "Von der Freude und dem Glück des Schenkens" oder "Vom Naturgesetz: Wer gern und viel gibt, wird vom Leben noch mehr erhalten" führen.

 

Am 12. Dezember 2020 machte ich in meiner Heimat Lorenzen am Wechsel wie an jedem Wochenendtag wieder eine Wanderung in die Bergwälder und tiefen Schluchten. Vor wenigen Tagen hatte es geschneit und noch immer lag Schnee, der sich nicht nur mit einer weißen Schicht über die Landschaft legte, sondern die ausgeprägte Stille derselbigen noch verstärkte. Mit gutem, frisch gefettetem und grobstolligem Schuhwerk ging ich die Ruhe genießend über Wiesen und Felder, stattete meinen Baum-Freunden, die im Wind sanft hin und her wogen und mir als liebevolle Begrüßung ein paar Schneepatzen auf den Kopf warfen, einen Besuch ab und stieg in den unweit von meinem Elternhaus gelegenen Graben hinab. Seit einigen Tagen kam des Nachts aus diesem Graben regelmäßig ein "Kostgeher" zu uns herauf, der in unserem Garten und bei unserem Kompost nach Essbarem Ausschau hielt und sich durch seine Fährte verraten hatte. Vom alten Grabenfuchs, Meister Reineke, ist die Rede, und bei meiner Wanderung in den Graben sah ich, dass seine "Schnürl-Spur" (unser Grabenfuchs gehört zur Gattung der "Schnirl-Füchse", weil seine Fährte schnurgerade verläuft) zielgerade zu unserem Haus führte.

Meine Mutter hatte mir an diesem Tag aufgetragen, für unseren selbst angefertigten Lärchenscheiben-Adventkranz ein paar Fichten- oder Tannenzweige mitzunehmen, um diesen damit zu schmücken. Eingetreten in die Wald-Kathedrale, die die heilsame, spirituelle Stille nahezu zu kultivieren scheint, schaute ich mich also nach geeigneten Zweigen für unseren Adventkranz um. Nachdem ich also eine Weile achtsam und langsam, links und rechts nach dem Gesuchten Ausschau haltend, vorangeschritten war, kam ich zu einem kleinen, fei-foasten (runden, gut genährten) Fichten-Bäumchen. Sofort fiel mir auf, dass das kleine Bäumchen einen Ast hatte, der deutlich länger war, als alle übrigen Äste, und zusätzlich sehr schöne kleine Seitentriebe aufwies - eine kleine Laune der Natur sozusagen. In Betrachtung dieses längeren Astes dachte ich mir:"Von diesem überlangen Ast könnte ich mir doch die Zweige für unseren Adventkranz abschneiden. Doch ein Baumkind durch Zurechtstutzung so kurz vor Weihnachten beleidigen?" So dachte ich hin und her, ob es in Ordnung sei, den langen Ast des Bäumchens zu beschneiden und kam zu dem Schluss, dass dieses vielleicht mit sich reden ließe. Ich bückte mich also, strich zärtlich über die Zweige des Bäumchens und fragte dieses:"Liabs Bamerl, I brauchat a por Zweigal va dir fir unsern Adventkraounz. Leider hob I kan umgfollnan Ortgenossen va dir gfunden. I wü di eigentlich nit verletzen, owa derf I ma a por Zweigal va dein laoungen Ost obschneiden?"

Und jetzt kommts. Glaubt es oder nicht, das Bäumchen hub plötzlich zu sprechen an und sagte:"Jo, frali wul derfst da va mein laoungen Ost wos owa schneidn. I bin guat barnaound und hob jo gnua Eyst. Und wos naou dazua kimmt: Der nächste, nosse Schnee, der auf mir liegn bleibt, tat ma vielleicht den gounzen laoungen Ost obreissen, jo, mi vielleicht sogor mit in den Grobn owi stirzen. Wenn du a weyng wos obzwickst davau, hobts ihr a Freid und mir is a ghulfn, wal da nächste Schnee ma den Ost vielleicht nit obreissen mog. I sog das, deys durt e so weh, wenn a Ost direkt bam Staoum obreisst. Owa hiats kumm na, zwick da o wost brauchst, des tuat ma nix. I bin do auf dar Leitn auf über 700 Meter genauso wia die Leit do ohnehin aniges gwohnt und holt so ziemlich olles aus."

Ich bedankte mich bei dem sehr freundlichen, gebefreudigen, Charakterstärke und Härte aufweisenden Bäumchen, zog meinen Taschenfeitl, ein Schweizer-Messer, aus der Tasche, klappte die große Klinge desselbigen auf und schnitt vorsichtig ein paar Zweige von dem besagten langen Ast des sprechenden Bäumchens ab. Keinen Mux machte dieses dabei und stramm ließ es die Prozedur über sich ergehen, wenngleich ich schon spürte, dass ihm durch diese doch gewisse Schmerzen zugefügt wurden. Nachdem ich die Zweige behutsam in die Tasche meiner Jacke gesteckt hatte, bedankte ich mich beim Bäumchen mit einem herzlichen "Vergölts Gott" und wir beide verabschiedeten uns, indem wir uns Ast und Hand reichten.

Am Abend stand bei uns am Tisch unser aus einer dicken Lärchen-Scheibe als Basis bestehender Adventkranz, drei Kerzen brannten auf diesem hell in der schummrigen, heimeligen Küche, das Feuer prasselte im "Kuchl-Aoufn", warm und behaglich wars in der Stube, und wir drei, Vater, Mutter und ich bestaunten am Tisch sitzend unseren schlichten, urigen und daher umso schöneren Adventkranz, das angenehme Licht, das seine Kerzen uns spendeten UND die am Fuße der Kerzen befindlichen, den Kranz veredelnden Fichten-Zweige, die ich nur ein paar Stunden zuvor von meinem neuen Freund im Wald, dem kleinen Bäumchen, erhalten hatte.

 

Ein ruhiges, friedliches Weihnachtsfest, das euch die wirklich wichtigen und wesentlichen Dinge im Leben sowie den Wert der Abgeschiedenheit vor Augen führe, im Kreise der engsten Familie wünscht Ihnen/euch allen

 

Reinhard Ehrnhöfer

 

Buchtipp:

 

https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/Heyne/e514674.rhd